P2P-Risk-Communities

Der ursprünglich über Datei-Tauschbörsen (z.B. Napster) populär gewordene Ansatz der dezentralen Peer-to-Peer (P2P)-Vermittlung hat mittlerweile Einzug in die Finanzwelt gehalten und ergänzt dort die alten Geschäftsmodelle. Eine besondere Affinität dieses Ansatzes hat sich bei risikobasierten Geschäftsmodellen herausgestellt. So gibt es zwischenzeitlich eine Reihe von Portalen, welche als Intermediär bzw. als Agent Kreditnehmer (debitor) und Kreditgeber (principal, creditor) gegen Gebühr zusammenbringen; auch mit „marketplace lending“ nicht voll umfassend bezeichnet. Dabei  steht die Vermittlung des Geschäftes im Vordergrund, nicht die Übernahme der Risikoträgerschaft. Es wäre aber auch der Eintritt des Portals in die Rolle des principals möglich, was den tradierten Formen einer Finanzierung über Bank etc. in etwa entspräche. Die Abwicklung des eigentlichen Geschäftes erfolgt dann auf den geläufigen Zahlungswegen. P2P heißt also in diesem Kontext, dass der (private) Investor direkt mit dem Risiko in Kontakt tritt und abhängig von dessen Eintreten Verlust oder Gewinn erleidet. Klassische risk taker wie Banken, Versicherer, Firmen etc. treten dabei nicht oder nur partiell auf.

Die Anzahl der Partner schwankt dabei und ist z.B. in der Konstellation: ein Kreditgeber = ein Kreditnehmer bis: n Kreditgeber = n Kreditnehmer darstellbar. Üblich sind derzeit Eins-zu-eins-Beziehungen.

Fortführend von den mittlerweile etablierten Kreditrisiko-Portalen (z.B. Bitbond, welches Kredite an Selbständige auf Bitcoin-Basis organisiert – seit jüngstem auch mit Bafin-Lizenz) ergeben sich bei konsequenter Nutzung der technischen Tools deutlich entwickeltere und verteilt operierende Geschäftsmodelle, welche ganz auf die Verteilung des Risikos in einer Gruppe von vorher unbekannten Teilnehmern (peers) setzen und die Organisation und Abwicklung ausschließlich über aktuelle Instrumente wie Blockchain, Cryptowährung und Internet darstellen. Durch die Anwendung dieser Prinzipien werden weitere Kosten-Synergien und Skalierungseffekte eröffnet, welche den tradierten Produktions- und Vermittlungsformen für die bislang üblichen Produkte deutlich überlegen sind.

Nach Einschätzung des Autors schälen sich zwei interessante Anwendungsbereiche heraus, welche in der nächsten Zeit eine Relevanz erlangen können und hier näher beleuchtet werden sollen: Versicherungen (insurance) und Lotterien. Beide Geschäftsmodelle basieren darauf, einer kleinen Zahl von Geschädigten/Gewinnern in statistisch berechenbaren aber wenig häufigen Fällen vergleichsweise hohe Gelder auszuzahlen, welche vorher gepoolt eingeworben werden. Werden weniger Auszahlungen geleistet  als geplant, „gewinnt“ die risikotragende Peer-Gruppe, wenn nicht – soweit die Auszahlungen nicht limitiert – „gewinnen“ Versicherungsnehmer und Spieler.

Merkmale

  • Auszahlungsfall tritt nur in geringer Häufigkeit und vorher bestimmbarer Höhe auf
  • Wahrscheinlichkeit des Zahlungsfalles ist statistisch und kombiniert empirisch berechenbar
  • Die Auszahlungshöhe liegt im Ermessen der Peer-Gruppe und kann deshalb auch unter den Erwartungen liegen
  • Payment via elektronische Zahlungsmittel und Wallets wie bspw. Bitcoin, Ethereum, Circle
  • Risk-Sharing in der Peer-Group ausschließlich
  • Vermittlung über Intermediär mit Marktzugang und -expertise
  • Je größer die P2P-Gruppe/Team ist, desto geringer ist die Varianz an einzulegenden Beträgen
  • Die Qualität des Risikos wird von der P2P-Gruppe selbst eingeschätzt. Die Plattform gibt keine substantielle Bewertung über Risiko- und Einflussfaktoren ab

P2P-Versicherungen – Use Case Teambrella

Das Start-up Teambrella bietet derzeit die Absicherung von Kraftfahrzeugen (nur Kasko) und Tieren an (derzeit noch Alpha/Beta-Phase). Hier ist der P2P-Gedanke sehr weit umgesetzt, da Teambrella nicht als Underwriter bzw. principal auftritt, sondern die Organisation von individuellen Risikogemeinschaften anbietet. Der Ablauf läuft im Regelfall wie folgt:

  1. Schadensmeldung und Beweisführung über Portal (claim)
  2. Mehrheitliche Abstimmung der Teammitglieder ob und in welcher Höhe der Schaden reguliert wird.
  3. Auszahlung an Bitcoin-Adresse

Zur Zahlung wird dabei auf die Bitcoin-Blockchain zurückgegriffen. Jedes Team erhält eine eigene Wallet, welche wiederum von den Wallets der Teammitglieder gespeist wird. Aus diesen können Bitcoins nur dann entnommen werden, wenn der Wallet-Eigentümer und drei weitere Gruppenmitglieder den Übertrag freigeben – also mit ihren privaten Schlüsseln zeichnen. Dabei wird dann aufgeteilt, wer für die Gebühren on Teambrella, wer für den Schaden und wer für die Vergütung der „Schadensbearbeiter“ aufkommt.

Mit den Schadenbearbeitern (proxies) führt das Portal ein weiteres Element ein: diese können dies durchaus professionell betreiben und den Risikoträgern damit ihre Expertise bereitstellen und Arbeit abnehmen. Standardmäßig sollen diese anpassbare 5 % des Regulierungsbetrages erhalten.

In Ergebnis wird damit das Risiko eines Sachschadens an eine bestimmte Anzahl von Risikoträgern verteilt und über das Portal und Bitcoin abgewickelt. Im Grundsatz ist das nichts Neues in der Versicherungsbranche (siehe bspw. Lloyds), dass eine bestimmbare Gruppe von Risikoträgern für ein exakt definiertes Risikos zeichnet, aber das Neue bzw. die Verbesserung liegt in der Organisation, der Bestimmung der Gruppenmitglieder und der effizienten elektronischen Abwicklung ohne Verwaltungsbauten, Management usw.

Vermutlich ist dieses Modell noch zu aggressiv für den europäischen und insbesondere den deutschen Markt. Wenn das Portal – vielleicht auch über eine Tochterfirma – an dem Underwriting teilnehmen würde, wie bspw. Lendinvest bei Hypotheken, könnte die nötige Starthilfe und der essentiell notwendige Vertrauensvorschuss erbracht werden.

P2P-Glücksspiele

Neben der Gewährung von Krediten und der Regulierung von Schäden ist der Gewinnfall in einer Lotterie auch eine Frage des Risikomanagements. Durch die lange Tradition des Glücksspiels ist die Frage schon oft diskutiert und gelöst worden. Im Wesentlichen lassen sich hinsichtlich der Risikoausprägung drei Grundformen unterscheiden:

  • Totalisatoren: hier ist i.e.S. kein Risikomanagement erforderlich, weil als Gewinnsumme nur ein Teil der zuvor eingenommenen Gelder ausbezahlt wird (typischweise um die 50 %).
  • Nummernlotterien/Lotterien: Gewinne stehen bei diesem Typus i.d.R. im Voraus fest, unabhängig davon, ob genügend Einnahmen generiert worden sind. Risikomanagement erfolgt hier meist in Form von Losteilungen, Gleichverteilung von Losnummern, Abdeckung des Höchstgewinnrisikos durch Versicherungen, Verkauf einer möglichst großen Zahl von Losen für die jeweilige Lotterieserie usw. Risikomanagement ist hier erforderlich.
  • Wetten: abgesehen von der einfachsten Form der Vorhersage des Eintritts eines Ereignisses werden bei gängigen Wettangeboten Quoten festgesetzt (odds), welche je nach Veränderung der Eintrittswahrscheinlichkeit angepasst werden können. Sollte sich der Eintritt eines bislang sehr unwahrscheinlichen Ereignisses wahrscheinlicher werden, versuchen Wettanbieter auch die Wette vorher „freizukaufen“ (bail-out). Risikomanagement ist hier erforderlich.

Der principal bei den oben genannten Glücksspielen ist der Veranstalter bzw. Buchmacher. Dessen Risiko des Eintritts eines Gewinnes kann durch die Verlagerung auf eine Peer-Gruppe sozialisiert und verlagert werden.

Hierzu muss der statisch ermittelte Erwartungswert als risk position handelbar gemacht werden. Die Nähe zum Risiko einer Versicherung ist frappierend und man könnte sogar so weit gehen, ein Glücksspiel als eine Versicherung auf ein positives Schadensereignis zu werten. Dies aber nur am Rande.

Die konkrete Abwicklung könnte dann bspw. wie oben unter Versicherungen erfolgen und mit einer Kryptowährung verzahnt werden.

Die Ähnlichkeit von Gewinn-Risiken zu Rückversicherungsrisiken legt auch eine Spur zu Möglichkeiten der alternativen Deckung:

  • Eigenversicherer (Captives): der Glücksspielveranstalter lagert das Risiko an ein verbundenes Institut oder seine Eigentümer aus. Dies ist der Regelfall bei staatlichen, deutschen Lotterie-Veranstaltern. Für den Fall eines P2P-Glücksspiels würde also die Peer-Gruppe der risk taker werden und anfallende Gewinne aus Eigenmitteln decken.
  • Finite Solutions“: bankähnliche Vertragsgestaltungen, welche Ansparverträgen relativ ähnlich sind. Die Peer-Gruppe würde somit eine Ansparung auf das Risiko vornehmen.
  • Risikoverbriefungen („insurance linked securities“): auch Risiko-Kapitalmarktverbriefungen. Über das Portal oder die Peer-Gruppe selbst agieren diese als Fronten des Risikos an den Kapitalmarkt, bzw. kaufen sich darüber Retrozessionsdeckung ein. Swaps, Bonds, Optionslösungen sind Spielarten davon.

Verhaltenskontrolle in der P2P-Gruppe

Das Verhalten innerhalb der Peer-Gruppe folgt naturgemäß dem üblichen sozial-dynamischen Prozessen in größeren, teils miteinander unbekannten Gruppen. Hierarchien und Kräfteverhältnisse bilden sich ebenso aus wie nicht vertretbares soziales Verhalten und Übervorteilung von „naiven“ Gruppenmitgliedern. Ohne Steuerung- und Regulierungsinstrumente würde diese Verhaltensweisen selbstverständlich zum Erliegen des Geschäftsmodellen führen; zumal je nach Organisation die Gruppenmitglieder weitestgehend anonym zueinander sind.

Als gegensteuernde Instrumente dienen zumeist die bereits bekannten Möglichkeiten der Bewertung von einzelnen Usern, die finanzielle Gegen-Sanktion bei künftigen eigenen Ansprüchen und der Ausschluss von „auffälligen“ Peers.

Wieder einmal ist die Ressource Vertrauen hier wesentliche Geschäftsgrundlage. Der Erfolg eines Portals macht sich deshalb nicht nur an der Raffiniertheit der Programmierung, der monetären Vorteilhaftigkeit der abzuschließenden Deals und dem Marketing fest, sondern ganz erheblich inwieweit Vertrauen in das Geschäftsmodell aufgebaut und Transparenz erreicht werden kann.

Ausblick

Anhand der beiden Beispiele wird deutlich, dass die Anwendungsmöglichkeiten vielfältig sind und eigentlich überall da, wo keine Regulierung dagegenstellt und eine Risikoposition gedeckt werden muss eine interessierte Peer-Gruppe als risk taker herangezogen werden kann. Vergütung und Abwicklung sollte dabei regelmäßig hochautomatisiert erfolgen. Moderne vertrauensbasierte Technologie wie Blockchain und Cryptowährungen eignen sich dabei sehr gut.

Quellen und weiterführende Informationen

Jackie Snow

Canada Gets Its First AI-Run Exchange-Traded Fund Artikel

Technology Review, 2017.

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Sascha Mattke

Münzen statt Aktien Artikel

Technology Review, 2017.

Abstract | Links | BibTeX

WirtschaftsWoche Online

Wie Robo-Berater künftig Versicherungskunden betreuen Artikel

Handelsblatt, 2017.

Links | BibTeX

Online-Vermögensverwaltung - Robo-Advisors sammeln Millionen Artikel

boerse.ard.de, 2017.

Abstract | Links | BibTeX

Dirk Elsner

Invasion alternativer Finanzierungsplattformen Artikel

Capital, 2017.

Abstract | Links | BibTeX

David R. Martin

Car Insurance Pricing Is Broken, But Your Phone Could Fix It Artikel

Wired, 2016.

Abstract | Links | BibTeX

Aaron van Wirdum

Bitcoin-Based Peer-To-Peer Insurance Company Teambrella Releases Pre-Launch Demo Version Artikel

Bitcoin Magazine, 2016.

Abstract | Links | BibTeX

London Fintech Podcast

Kicking the Tyres of Alt. Finance P-to-P (Online Lending/Borrowing) with Christian Faes CEO of Lendinvest Sonstige

2016.

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Website Lendinvest Artikel

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Website Teambrella

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