Coepitition in der Verlagsbranche

Die jüngsten Avancen von Google mit seinem Programm „Digital News Initiave/DNI“ und „Facebook lockt Verlage – Süddeutsche Zeitung“ lassen den unbeteiligten Beobachter zunächst verwundert die Augen reiben: die (deutsche) Verlagsbranche und die Internet-Giganten friedlich vereint und harmonisch die Vorteile der neuen Partnerschaft preisend überrascht, wenn man sich gleichzeitig die ehemals bitteren Klagen der Pressehäuser – insbesondere in Deutschland zum Leistungsschutzrecht – ins Gedächtnis ruft und die teilweise hektischen Digitalisierungsbemühungen, einschließlich intensiver Studienreisen ins Silicon Valley, von deutschen Großverlagen dagegenhält. Auch die vergangenen larmoyanten Hinweise aus Mountain View und anderen Pilgerstätten moderner Internet-Dienste über die verzweifelten Versuche der Verlage im Digitalgeschäft Fuß zu fassen lassen zunächst die neue Harmonie unwirklich erscheinen.

Was passiert da? Nun, augenscheinlich haben die Pressehäuser ihre anfängliche Trotzphase überwunden und erkannt, dass die aktuellen Nutzergewohnheiten und Machtverhältnisse im Internet, trotz intensiver und teurer Digitalisierungsbemühungen und dem Lamento bei der Politik, nicht den gewünschten Markterfolg zeitigen und es klüger erscheint, die bisher halb ehrfürchtig, halb argwöhnisch betrachteten Internet-Giganten ernst zu nehmen und auch auf ihre Avancen einzugehen und mit ihnen zu kooperieren.
Diese neue Offenheit löst natürlich nicht den grundlegenden Streit der Medienschaffenden um einen individuell möglichst hohen Anteil der Nutzeraufmerksamkeit („Share of interest„) auf. Der Wettbewerb war und bleibt hart zwischen ihnen.
Im Ergebnis sind die neuen Zweckbündnisse also geprägt von der Fortführung des bisherigen Wettbewerbs einerseits und der Inkaufnahme von neuen Formen der Zusammenarbeit andererseits. Oder kurz im Management-Sprech: Co-opetition, zusammengesetzt aus Competition und Cooperation.
Grundsätzlich ist das im Wirtschaftsleben nicht Neues. Zusammenarbeit bis hier zur Unternehmensverschmelzung gab es in allen Branchen. Auch die Internet-Branche kennt ein prominentes Beispiel aus ihrer Embryonalphase mit dem zusammengehen von AOL und Time Warner.
Die heutige Co-opetition ist allerdings weniger auf wirtschaftlich endgültige Verflechtung bedacht und gebiert sich deutlich opportunistischer und rationaler. Bisheriges branchenzentriertes Verhalten und Zurückhaltungen werden aufgegeben. Ein anschauliches Beispiel ist der Vertrieb von Zertifikaten von Wikifolio-Musterdepots von Direktbanken wie Comdirect, obwohl diese die Beratungskompetenz der Banken faktisch obsolet machen können (vgl.  hierzu jüngst die Ausführungen auf cloudero.de); es wird kooperiert und vertrieben.
Ist Co-opetition nun der neue Schlüssel zum Erfolg in der kränkelnden Verlagsbranche? Zunächst hilft dieser sicherlich das dringend benötigte Kapital und das noch dringender benötigte know-how zu akquirieren. Dies geschieht aber nur solange, wie der Presseprodukte attraktiv sind und signifikante Nutzerzahlen für Onlinewerbung garantieren kann. Sinkt dieses Potenzial an harter Medien-Währung, vielleicht weil es sich die Verlage in ihrer neuen, festen abhängigkeit dann zu gemütlich gemacht haben, sinkt auch gleichzeitig das Interesse an Zusammenarbeit. Die Verleger sind also gut beraten, beide Teile von Co-opetition zu Pflegen: Cooperation und Competition.

Update 5/2015

Zum Start in der Google DNI sollen nun nach letzten Berichten acht Medienhäuser dabei sein. Neben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Zeit wird die britische Zeitung The Guardian auch daran teilnehmen. Der bekannte IT-Verlag Heise wird sich ebenso beteiligen.

Update 6/2015 #1

Facebook hat seine Strategie weiter verfeinert und nennt sie Instant Articles. Mehrere Medien aus Deutschland (Spiegel Online, Bild.de), Großbritanien (Guardian, BBC) und USA (New York Times, NBC) wollen Artikel mit Fotos auf Facebook bereitstellen. Auch Videos werden verfügbar sein. Instant Articles gehen über Textanreifeg hinaus und stellen interaktive Inhalte zur Verfügung. Facebook verspricht deutlich schnellere Ladezeiten als für übliche mobile Websites. Für die Verlage soll sich dies – neben der Verbreitung von Content – auch in der Schaltung von Anzeigenplätzen lohnen. 70 % der Erlöse stehen ihnen dann zu.

Update 6/2015 #2

In der Keynote auf der Apple WWDC 2015 hat der Computerkonzern angekündigt, dass er erneut eine eigene App für journalistische Inhalte mit der neuen Version iOS 9 bereitstellen will. Der erste Versuch war bereits die Verfügbarmachung von journalistischen Inhalte auf dem iPad, welche gescheitert ist. Anders als die Aktivitäten von Facebook und Google ist der Konzern aus Cupertino auf eine feste Bindung mit seiner Hard- und Software fixiert und stellt die Inhalte separat in der Applikation „Apple News“ bereit. Inwieweit die Erlös- und Kooperationsmodelle hier gestaltet sind und wie die Akzeptanz der Content-Lieferanten ausfallen wird, darf man gespannt abwarten.

Update 6/2015 #3

Das niederländische Start-up Blendle.com hat angekündigt, den Content aller deutschen Major-Zeitungen seinen Nutzern künftig bereitzustellen. Dabei können sich die Blendle-User die Artikel heraussuchen welche sie interessieren und bezahlen diese mit einem geringen Entgelt (Micropayment). Die Verlage erhoffen sich dabei einen weiteren Vertriebsweg, auf dem sie zahlende Nutzer erreichen, welche kein Abo abschließen wollen.

Update 9/2015

Google und Twitter bauen gemeinsame Publishing-Plattform um gegen Facebook Instant Articles bestehen zu können. Mac & I-Artikel

Update 10/2015 #1

Google fährt mehrgleisig und versucht den Nutzern das generische Surf-Erlebnis durch eine deutlich schnellere Präsentation von Nachrichtenergebnissen auf Mobilgeräten angenehmer zu gestalten. In Branchenkreisen wird dies auch als Antwort auf Facebooks Instant Articles verstanden. Re/Code-Artikel

Update 10/2015 #2

Facebook Instant Articles sind ab sofort für alle Nutzer verfügbar. Wie Facebook in seinem Media-Blog mitteilte, können Nutzer der Facebook for iPhone app nun mehrere tausend Instant Articles im News Feed konsumieren. Indikativ wird über einen Blitz in der rechten Ecke im News Feed auf die Instant Articles hingewiesen.

Update 11/2015

Facebook Instant Articles setzen sich bei Verlagen durch und akquiriert 25 neue Mediapartner. tagesschau.de, Handelsblatt, Bunte.de, Focus Online, Zeit Online und einige Regional-Medien sind in die gemeinsame Vermarktung ihres geistigen Eigentums mit Facebook eingestiegen.

 

Quellen und weiterführende Links: